Campingtour an der Ostsee von Tallin über St. Petersburg
nach Helsinki  22.05-06.06.2010

In welchem Land stoppt ein Verkehrspolizist eine 6-spurige Autobahn, um 4 Radlern bei der Unterkunftssuche eine zügige Rückfahrt auf der Autobahn zu ermöglichen?
Aber dazu später.

Zuerst zur Anreise zum Fährhafen Travemünde, welche sich mit 5-maligem Umsteigen
(u. a. am Hundertwasser-Bahnhof Uelzen) und einer Einrolltour ab Lübeck an der Trave entlang als gar nicht langweilig herausstellte. Dann die 36 Stunden auf der finnischen Fähre, welche dank kostenloser Sauna und üppigem Büffet durchaus zum Wohlbefinden beitrugen.

Als zur Entlastung einer Mitradlerin von ihr unnötigerweise mitgeschlepptes schweres Gepäck (z. B. ein dickes Buch) in der Nähe des Fährhafens von Helsinki deponiert (vergraben!) worden war konnte die Tour starten, kreuz und quer auf Radwegen bis ins Zentrum von Helsinki und nach kurzer Stadtbesichtigung zur nächsten Fähre, welche uns nach Tallin, der Hauptstadt von Estland, brachte.

Tallin, das ist Mittelalter pur und wegen der vielen Cafés und ausgezeichneten Torten gerade für Radler ein Highlight. Schweren Herzens mußte die Stadt verlassen werden und auf dem mal mehr, mal weniger gut beschilderten Europaradweg Nr. 1 ging es durch naturnahe Landschaft nach Osten.
Lieber (mit Rückenwind) 160 km radeln als in Regen und Kälte die Zelte aufbauen meinten die ansonsten sehr zähen Mitradlerinnen und so schafften wir an einem einzigen Tag vom Grenzübergang in Narva auf (zum Glück nur auf wenigen Kilometern katastrophal schlechter) Schnellstrasse am Abend noch ein Quartier in Peterhof zu kriegen.

Nach Besichtigung dieser Schlossanlage, einer der europaweit Prunkvollsten, war es dann nicht so einfach, im Regen und auf verkehrsreicher Autobahn das von der sehr freundlichen Pension vorgebuchte Hotel zu finden.

Aber, wie anfangs geschildert, die russischen Polizisten waren wirklich unglaublich hilfsbereit.

Das nächste Highlight war dann der Katharinenpalast mit dem weltberühmten Bernsteinzimmer, eine spontane Einladung russischer Markfrauen zur Geburtstagsfeier sowie die Einfahrt auf Prachtstrassen in das riesige Sankt Petersburg.
Dank Fahrrad konnten die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Petersburger Innenstadt an einem Tag bewältigt werden und schon ging es bei endlich sommerlicher Witterung weiter an der Ostsee entlang, wo nach mückenreichem Wildcampen in Russland dann in Finnland auf komfortablen Campingplätzen übernachtet wurde. Zwar war es nur einem von uns vergönnt, einen jungen Elch zu sehen, doch zumindest die Symbolblume des Fichtelgebirges, der Siebenstern, konnte in größer Anzahl vorgefunden werden.

Nach wiederum saunareicher Fährfahrt hatten wir auch beim öfteren Umsteigen mit der Bahn noch großes Glück, alle Anschlüsse erwischt und auch keine überfüllten Fahrradabteile, insgesamt nur 3 Plattfüße, eine verlorene Schraube und einen gelockerten Gepäckträger,
so dass die gesamte Tour sicherlich als Gelungen im Gedächtnis aller Russland-Radler haften bleibt und als Ergebnis festgehalten werden kann:

Russland ist auch und gerade mit dem Radl eine Reise wert!

Erwin Attenberger